Nein, bei Jochen Distelmeyer weiß man nie ganz genau, woran man ist. Sagte er doch neulich, er fühle sich jetzt, mehrere Jahre nach der Auflösung der Band Blumfeld und erfolgreich auf Solopfaden wandelnd, irgendwie einsam. Nicht im negativen Sinne, sondern eher synonym für unabhängig und frei: It’s so lonely at the top. Wie meint er dies denn nun? Ist es Ironie, ist es Hybris? Letztere hat er allerdings gar nicht nötig, der Herr Distelmeyer, denn von gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen wird er sowieso schon als Deutschlands klügster Songschreiber identifiziert, ganz zu schweigen von den Fans einer nicht ganz so zornigen, dafür diskurshaft verschlungenen späten Hamburger Schule, deren Liebling er mit Blumfeld lange Jahre war. Er ist, so betrachtet, durchaus ein Sonnenkind, und neben Bob Dylan und Don McLean wohl der einzige lebende Songlyriker, dessen Zeilen – ob nun mit Blumfeld oder solo – hierzulande sogar Ziel akademischer Auslegungsschlachten wurde.
Dabei ist es doch alles ganz anders. Denn bei Distelmeyer, siehe oben, weiß man nie so ganz, woran man ist. Selbst die ironisch-klugen Diskurs-Poptexte sind noch ein zartrosa leuchtendes Zitat, ein eingerahmtes Bild des politisch engagierten Songwriters der Hamburger Schule, aufgebaut Ende der 80er Jahre mit Kollegen wie den Goldenen Zitronen, Tocotronic oder Kolossale Jugend. Blumfeld und Distelmeyer, scheint es, waren immer leicht nebenan, hatten ein anderes Ziel. Ein viel romantischeres, tieferes. Schlicht: Künstler sein. Neben der Aktion auch Poesie zulassen und Kunst aus Kunstgründen erdenken. Dieses einfache und doch so schwere Programm schimmert über allen Blumfeld-Alben, über den melodiösen Läufen und der Distelmeyer-Lyrik von Natur und Zuneigung. Und es erhellt auch das erste Solo-Werk, 2009 veröffentlicht unter dem wiederum doppelt reflexiv-ironischen Titel „Heavy“. Denn auf den ersten Blick scheint wenig heavy, Distelmeyer führt die Blumfeld-Ästhetik fort, mit der gleichen klassischen Bandbesetzung (nur sind es nun Benni Thiel, Lars Precht, Henning Watkinson und Daniel Florey), mit weichen, lyrischen Melodien und Texten zu grundlegenden Themen: Kunst, Hass, Liebe, vor allem Liebe. In dieser Hinsicht ist es aber in der Tat heavy, das Material, denn es zeigt unter der wunderschönen Deutschpopmaske die distanziert-ironische Intellektuellenmaske und darunter wieder den ganz ernsthaften, tiefen Romantiker, der nichts will außer Poesie und Liebe. Na ja, fast nichts, möglicherweise reicht die Ironieschicht ja doch tiefer oder verläuft quer durch alle Untiefen als ständiger Begleiter der schönen Ernsthaftigkeit. Man weiß nie. Sicher ist nur, Jochen Distelmeyer ist und bleibt einer der besten, lyrischsten Songschreiber deutscher Sprache, bei dem auf der Bühne bei all den poetischen Adern doch gelegentlich auch der Rocker hervorbricht. Und das ist dann nahe dran an der perfekten Mischung.
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Freitag 22. Juli 2010, 20:00 Uhr, Theatervorplatz
VVK (voll) 12,00 EUR (erm.) 09,00 EUR
AK (voll) 14,00 EUR (erm.) 11,00 EUR
Jokerkarten gelten nicht
Tickets sind über die Ticket-Hotline der Kulturartena unter
+49 (0) 3641 49 80 60 oder im Online-Ticket-Shop erhältlich.








Ein Nachtrag: Wie der Veranstalter mitteilte, gelten Jokerkarten jetzt auch beim Konzert von Jochen Distelmeyer am 22. Juli.